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Etwas fehlt – der aktuelle Mülheim-Jahrgang im Kontrast gelesen

Das goldene letzte Jahr

von Anne Peter

"Das, das, das,
das ist unsere Zeit,

die Zeit leuchtet,

lass Sie leuchten."

PeterLicht


1. Juni 2009. "Etwa Mitte Vierzig oder auch älter" ist Roland Schimmelpfennigs Figur Katja. Georg, Katjas Bräutigam, zählt "Mitte Vierzig bis Anfang Fünfzig". Ein Paar, das am Anfang, bei seiner Hochzeit, bereits am Ende steht. Dörte Lyssewski gibt ihrer Katja einen entsprechend depressiv starrenden, in die Ferne entrückten Blick, in dem die Tränen dräuen. Einen Blick, der vom Wissen um das immer schon vorausgesetzte Ende jeder glücklich beginnenden Zweisamkeit geradezu überquillt.

Damit, dass man halt "langsam und glanzlos alt" wird, muss sich auch Lutz Hübners Brasilienheimkehrerpaar (er 43, sie 39) abfinden. Lutz und Karla, die beiden aus Ulrike Syhas "Privatleben" (sie 36, er auch so um den Dreh), haben sich beiderseitig eigentlich schon im Status quo des Single- beziehungsweise Geliebtendaseins eingerichtet, erleben dann aber doch noch unverhofft ihr Happy End. Während das späte Glück hier komödiantisch eingefärbt ist, kommt es bei Sibylle Berg als grelle Farce daher, als Genugtuungsfiktion über jene herrlichen Lebensendzeiten, in denen endlich, endlich – wer's glaubt, wird selig – ausgleichende Gerechtigkeit eintritt.

Aufbruch in den Pflegenotstand

Der Titel ihres Wettbewerbsbeitrags, Die goldenen letzten Jahre, könnte dabei ganz gut über dem diesjährigen Mülheim-Jahrgang stehen. Denn wollte man ihm eine thematische Tendenz ablauschen, die gleichzeitig mit einem gesellschaftlichen Relevanzquotienten versehen werden könnte, würde man wohl unweigerlich auf die demographische Entwicklung unserer unaufhaltsam alternden Gesellschaft stoßen. So als erkunde die Dramatik jetzt, da der Pflegenotstand droht, schon mal prophylaktisch die Generationsgemüter der zukünftigen Patienten.

Es ist die Generation der 35-50jährigen, die die Mülheimer Stücke '09 in den Blick nehmen. Jüngeres Personal fehlt fast durchgehend. Im letzten Jahr waren nicht nur wesentlich mehr neue, junge Autorenstimmen zu vernehmen (vier DebütantInnen, drei von ihnen unter oder um die 30), sondern man fand dabei – auch wenn das natürlich nicht notwendigerweise zusammenhängen muss – eine andere Generation porträtiert: die noch ganz der Sinnsuche hingegebenen Studenten in Laura de Wecks Lieblingsmenschen. Oder die Twenty-and-Thirty-Somethings in Ewald Palmetshofers denkwütigem hamlet ist tot. keine schwerkraft, die unter leerem Himmel über dem sozialen Abgrund baumeln, von der Systempleite überzeugt sind und endlich rauswollen "aus dieser emotionalen, analogen Umlaufbahn um mich selber".

Diesseits der Midlifecrisis

Die Mehrheit der Protagonisten dieses Jahres fühlt sich dagegen auf dieser Umlaufbahn anscheinend ganz wohl. Sie sind, mit verschieden gewichteten Ausnahmen (Bukowski, Jelinek, Pollesch), in der gesellschaftspolitischen Krisensaison 2008/09 fast ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Stuck in the midlifecrisis. Sogar Diskursvertexter René Pollesch kümmert sich in Fantasma beinahe fürsorglich um die emotionalen Belange des gealterten, desillusionierten und doch nicht voneinander loskommenden Nackte-Kanone-Paares Frank und Jane, das sich immer wieder konsterniert fragt: "Warum hast du aufgehört, mich so verliebt anzusehen?" Man muss den beiden (und Pollesch) zugute halten, dass sie sich und ihre private Krise dabei fortwährend mit anderen Kontexten in Beziehung zu setzen versuchen, mit dem Ende des Kommunismus in China etwa. So kommen wir dann doch über das Private hinaus. Wenigstens hier.

Das Begehren, über sich hinweg in gesellschaftliche Zusammenhänge zu blicken, war beim letzten Jahrgang insgesamt stärker ausgeprägt. Da war Philipp Löhles konsum- und kapitalismuskritische Komödie "Genannt Gospodin" oder Felicia Zellers furiose und fundiert recherchierte Sozialarbeiterinnen-Überforderungs-Session "Kaspar Häuser Meer". Und Fritz Kater zeichnete seine Figuren auf dem deutlichen Hintergrund der verwaisenden Landstriche Ostdeutschlands (und kultureller Wissensschätze von "Tristan und Isolde" bis Tyho Brahe). In diesem Jahr könnte der Schauplatz in den meisten Dramen hingegen so heißen wie bei Ulrike Syha: "Ein Land, das schrumpft". Der gesellschaftliche Kontext, in dem sich die Figuren bewegen, schnurrt aufs Minimum zusammen.

The Soundtrack of our Lives

Man vermisst sie, die starken jungen Stimmen aus dem letzten Jahr. Vor allem ihren Sound, die sprachliche Eigenart, die im Ohr bleibt und in einem einzelnen Satz wieder erkennbar ist. Die Aufnahme und Stilwerdung von Sprechmilieus jenseits des gutbürgerlichen Mittagstisches bilden in der aktuellen Auswahl die Ausnahme. Kein Wortschatz, der aufhorchen lässt, kaum sprachliche Verstiegenheiten, Wagnisse. An Metaphern kargt es.

Im letzten Jahr wurde der "Palmetshofer-Sound" zwar teilweise mit Befremden, aber doch von allen deutlich vernommen. Und Zellers Kaspar Häuser Meer geriet fernab von bloßer dokumentarischer Abschilderung zur Sprechoper, zumal in der zur Stresssymphonie durchrhythmisierten Inszenierung von Marcus Lobbes. Diesmal tragen vornehmlich die unermüdlichen Mülheim-Stammgäste Jelinek und Pollesch eigene Tonspuren zum Festivalsoundtrack bei. Wie sagte Ewald Palmetshofer in seinem "hamlet": "Die Alten leben ewig und die Jungen gräbt man ein."

Hier warfen wir einen ersten Blick aufs Tableau, als am 18. März die Mülheim-Auswahl bekannt gegeben wurde.

Außerdem fragten wir die Korrespondenten von nachtkritik.de nach ihren Stück-Entdeckungen aus dem letzten Dramenjahr – auf der Suche nach dem achten Stück.

 

Kommentare (1)

02. Juni 2009, 22:06
Johnny 2: ...
So ist es, "die Alten leben ewig und die Jungen gräbt man ein." Diesen schön geschriebenen Überblicktstext habe ich gern und mit Gewinn gelesen. Immer gut, wenn die Dinge mal in Perspektive gesetzt werden. Aber, nur als Frage an die Beobachter, finden sich möglicherweise auch in diesem Jahr ein, zwei Sätze oder Szenen, die die jahrangsspezifische Problematik einerseits pointieren, andererseits auch intelligent über sie hinausweisen?

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