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Sieben Fragen an Elfriede Jelinek

"Ich bin eine Autorin der Axt"

1. Wie kamen Sie auf die Idee für Ihr Stück "Rechnitz (Der Würgeengel)"?

Die Idee ist mir durch einen Dokumentarfilm von Margarete Heinrich und Eduard Erne gekommen: "Totschweigen". Da habe ich zum ersten Mal von dem Judenmassaker knapp vor Kriegsende in Rechnitz (Burgenland) erfahren. Die Geschichte hat mich nicht losgelassen. Und als Frank Baumbauer von den Münchner Kammerspielen und Jossi Wieler die Idee hatten, etwas zu (oder mit) Bunuels Würgeengel fürs Theater zu machen, da habe ich diese beiden Enden zusammengeführt, so lange, bis sie wieder ein Anfang geworden sind. Das hatte dann seine Logik für mich.

2. Warum schreiben Sie für das Theater? und 3. Was macht für Sie ein gutes Theaterstück aus?

Ich könnte nicht sagen, daß ich überhaupt fürs Theater schreibe. Ich schreibe nur Texte, aber bei manchen stelle ich mir vor, daß sie von Menschen gesprochen werden, und andre wieder sollen nur gelesen werden. Meine Theatertexte sind Sprechen, das auf ein Podest gestellt wird, also: ausgestellt. Das Gesprochene spricht noch einmal, durch die Mühle von anderem Gesprochenen, von vielen Stimmen, gedreht (ich arbeite ja zum Teil mit Montage, ich nehme also, nein, nicht das Brot vom Mund, sondern das Gesprochene anderen aus dem Mund und füge es in mein eigenes Gesprochenes ein. Dadurch entsteht eine Art Interferenz zwischen vielen Text- und Sprechebenen, und die wieder ist dann das Stück).

4. Wie wünschen Sie sich den Umgang eines/r Regisseurs/in mit Ihren Stücken?

Jeder Umgang ist mir recht. Je schräger, desto besser. Ich will keinen Respekt vor meinen Stücken! Der Regisseur, die Regisseurin sind ja Co-AutorInnen. Das eigentliche Stück entsteht erst in der Aufführung, indem meine Vorstellung mit der des Regisseurs zur Reibung kommt, bis zur Rauhigkeitsgrenze, an der nur noch ein mißtönendes, schrilles Geräusch zu hören ist. Was dann in selektiver Resonanz alles mitschwingt, entsteht erst mit dem Publikum zusammen. Für mich ist Theater das Zusammenspiel all dieser Parameter.

5. Welcher Tätigkeit würden Sie nachgehen, wenn Sie nicht Schriftstellerin wären?

Ich würde Mode machen. Kleider. Das liegt in der Familie. Dafür hätte ich auch eine Begabung. Am Theater interessieren mich ja auch die Kostüme am meisten.

6. Um welchen Satz beneiden Sie Ihre/n Lieblingsautoren/in?

Schiller: Die Axt im Haus erspart den Zimmermann. Ich bin schon eine Autorin der Axt, nicht der Ahle oder des Skalpells.

7. Was war Ihr letztes bemerkenswertes Theatererlebnis?

Leider kann ich (aus rein persönlichen Gründen) kaum je ins Theater gehen, schon seit längerem nicht. Aber zu Stemann und Jossi Wieler habe ich mich hingeschleppt, so oft es ging. Aber das waren meine eigenen Stücke, und die zählen nicht.

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Kommentare (1)

03. Juni 2009, 08:06
Vio: "Hingeschleppt"
Elfriede Jelinek hat m.E. zu Recht den diesjährigen Mülheim-Preis gewonnen. Glückwunsch an die Autorin - und an die Jury. Am Puls der Zeit - und an dem der Zukunft - ist Jelinek.
Schade nur - dass sie den Preis nicht persönlich entgegennehmen kann. "Hingeschleppt" = das sagt, warum sie nicht nach Mülheim kommen kann. Bitte keine Häme - ihr Stück ist des Preises würdig. Wie auch die beiden anderen Stücke zuvor.
Und: die sieben Fragen - aus ihrer Sicht einmalig treffend beantwortet!
Respekt.

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