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Gerhard Jörder – Ein Porträt des Theaterjournalisten, der zum sechsten Mal die Publikumsgespräche moderiert

Die Lufthoheit

von Petra Kohse

I.

Den Theaterkritiker Gerhard Jörder kann man für einen glücklichen Menschen halten. Freundlich steht er bei Premieren im Foyer und blickt mit ehrlicher Neugier über die tief sitzende Lesebrille hinweg in die Menge. Die meisten seiner Kollegen gucken in dieser Situation geschäftig ins Leere, weil sie sich nie sicher sind, wen sie grüßen sollen und von wem sie gegrüßt werden wollen.

Gerhard Jörder indessen sucht ganz zwanglos die Blicke von Kollegen wie Theaterschaffenden, macht auch mal auf sich aufmerksam und will, wenn ein Gespräch zustande kommt, von anderen wirklich etwas wissen. Wobei dieses unprätentiöse Zugewandtsein natürlich ein Zeichen echter Souveränität ist (da kann es sich einer leisten, von sich abzusehen), aber auch der vielleicht wichtigste Baustein eines Erfolgskonzepts, das da heißt: Klopfe, so wird dir aufgetan, höre, so wirst du wissen.

Es könnte sein, dass Gerhard Jörder derzeit der einflussreichste Mann im deutschsprachigen Theaterjournalismus ist. Nach 28 Jahren als Feuilletonchef (erst der Badischen Zeitung, dann, stellvertretend, der ZEIT), hat er sich 2001 auf der Basis eines ZEIT-Autorenvertrags selbständig gemacht und betreibt seither ein individuelles Mischgewerbe aus Autorschaft, Juryarbeit, Lehrtätigkeit und Moderationen, das in der Branche eine Alleinstellung hat und Jörders auch zuvor sicher schon fest geknüpftes Netzwerk in Flächendeckung bringt.

Kaum ein Preis im deutschsprachigen Raum, den Gerhard Jörder nicht schon einmal juriert, keine Diskussionseinrichtung von Rang, die er nicht moderiert hätte, kein Kulturjournalist, der nicht irgendwann bei ihm etwas gelernt hätte. Insgesamt zwölf Jahre lang war er Mitglied der Theatertreffenjury. Seit fünfzehn Jahren entscheidet er die Vergabe des Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreises mit. Und auch nach Mülheim kommt er in diesem Jahr zum sechsten Mal, um beim Stücke-Festival insgesamt dreizehn Gespräche zu leiten.

Wogegen man natürlich absolut nichts haben kann. Denn Gerhard Jörders Moderationen sind genauso vorurteilslos aufgeschlossen und effektiv wie sein Lächeln im Foyer. Und wie er sich auf dem Podium nicht zurück-, sondern im Gegenteil oft weit nach vorne über den Tisch lehnt, wie er unverkrampft Themen setzt und insistierend bei der Sache bleibt, ist schon legendär.

Auch Jörders Texte in der ZEIT sind von erstaunlicher Offenheit. Da kommt es zu fragenden Vor- und Zwischenbemerkungen, werden Einordnungen als vorläufig festgehalten und bewusst Leerstellen gelassen. Einer macht sich Gedanken und zieht andere dazu ins Gespräch. Ja, wirklich: wie sehr sich die geschriebene und gesprochene Sprache bei Gerhard Jörder ähneln, ist auffallend.

Kein Verwalter eines Gewussten also, sondern nach 35 Jahren im Geschäft immer noch ein nach Eindrücken und Meinungen Suchender. Ein notorisch Unabhängiger gewissermaßen. Und dem Betrieb dadurch unentbehrlich.

II.

"Hallo, ich komme runter!" ruft Gerhard Jörder in die Gegensprechanlage und schickt ein kurzes Kichern hinterher, verwundert und vergnügt zugleich. Da holt ihn jetzt jemand extra von seiner Haustür in Berlin-Kreuzberg ab, um ihn ins Theater zu begleiten und will dann noch nicht einmal über die Vorstellung, sondern über ihn selber sprechen!

Schon steht er unten, im offenen Mantel über einem camelfarbenen Jackett. Hoch gewachsen, mit inzwischen grauen Haaren, die drahtig vom Kopf abstehen, mit Bart und der Lesebrille tief auf der Nase, sieht man Gerhard Jörder den 68er-Intellektuellen sofort an. Einen "Alt-Linken" jedoch kann man ihn nicht nennen. Da ist nichts Dogmatisches.

Mit großen Schritten führt er zu seinem Auto, einem betagten, blauen Volvo mit Freiburger Nummernschild. Obwohl zwei U-Bahnlinien direkt vor der Türe sind und man hier in der Gegend für einen Parkplatz oft lange kreisen muss, fährt Gerhard Jörder stets selber ins Theater. In Freiburg, erzählt er grinsend, legte er die zwei Kilometer zwischen seiner Wohnung und der Redaktion der Badischen Zeitung ebenfalls immer mit dem Auto zurück und zog dann gerne mit überhöhter Geschwindigkeit an den Radfahrern vorbei, die dort das Stadtbild prägen. Da ist eine Lust, Dinge im eigenen Auftrag auszutesten. Zu sehen, wie weit man gehen kann.

An der Tankstelle kauft Gerhard Jörder seine tägliche Zeitungsration. Abos lohnen nicht, schließlich pendelt er nicht nur zwischen Freiburg, wo seine Frau (Maija Jörder, eine gebürtige Finnin) noch immer lebt, und Berlin, sondern ist auch sonst viel unterwegs. Aktuell vor allem in den Städten, aus denen Produktionen zum diesjährigen Stücke-Festival eingeladen wurden. Denn als Moderator der Publikumsgespräche will er die Inszenierungen nicht erst am Abend selbst, sondern schon vorher sehen.

Vorbereitung sei alles, betont Gerhard Jörder nach dem Hamburger "Hamlet"-Gastpiel im Deutschen Theater bei einem Glas Wein in der Kneipe nebenan. Sonst könne man die Künstler nicht auf Augenhöhe befragen. Und hätte nicht die Leichtigkeit, Monologe zu unterbrechen und Positionen zusammenzuführen. "Die Lufthoheit haben", nennt er das: Dafür verantwortlich sein, dass jeder zu Wort kommt und das Gespräch trotzdem so voranbringen, dass das Publikum tatsächlich etwas davon hat. "Eine Diskussion ist nur so gut wie der Moderator", sagt er. Und dass es darum gehe, "eine gemeinsame Nachdenklichkeit herzustellen". Seine "Leidenschaft" sei übrigens die Frage nach dem "Konjunktiv": Ob, was im Theater zu sehen war, jeweils auch völlig anders vorstellbar wäre.

III.

Gerhard Jörder kommt aus einer Lehrerfamilie. In den Generationen davor gab es viele Pfarrer und Ministerialbeamte. Aber der Vater war Lehrer, die Brüder sind es. Auch seine Frau ist Lehrerin. Geboren ist er als jüngster von drei Söhnen 1943 im spanischen Pamplona, wohin die Familie drei Jahre zuvor gezogen war – der Vater, Otto Jörder, war Hispanist. Gerhard Jörder selbst hat in München und Freiburg Geschichte und Germanistik studiert. "Erst war das Standbein die Germanistik, das Spielbein die Geschichte. Dann kam 68 immer näher in die Hörsäle und Seminare – und Stand- und Spielbein wechselten..."

Schon während des Studiums begann Gerhard Jörder freiberuflich für die Badische Zeitung zu schreiben. Lokales, Universitäres, Gerichtsreportagen, später auch Kritiken. Er arbeitete gerade an seiner Promotion, als er 1973 das Angebot bekam, Feuilletonchef zu werden. Von null auf hundert in der Angestelltenskala! Interimsweise zunächst, weil die Stelle frei geworden war. Aber dann blieb er es fünfundzwanzig Jahre lang.

Fast wären es nur vierundzwanzig geworden, weil ihm der damalige Chefredakteur Peter Christ im Juni 1997 überraschend kündigte. "Wegen Unfähigkeit!" kann Gerhard Jörder noch heute kaum glauben. "In Wahrheit ging es um Machtfragen und um die Ausrichtung des Blattes. Die äußerst selbstbewusste Redaktion sollte eingeschüchtert werden." Jedenfalls hatte Gerhard Jörder mit seinen vier Kollegen und zahlreichen intensiv betreuten Freien ein politisches und Themen-Feuilleton gemacht. Eine Seite täglich, aber darauf die großen Diskussionen, Originalbeiträge und Schwerpunkte. Christ, der erst zwei Jahre im Haus war, riskierte zumindest, dass diese Entwicklung abgeschnitten würde.

Aber die Kündigung wurde vom Personalrat nicht akzeptiert, und auch die Leser, Kollegen, Stadthonoratioren und Kulturleute aus der ganzen Republik erklärten sich mit Jörder solidarisch. Leute, gegen die das Feuilleton der Badischen Zeitung zum Teil harsch zu Felde gezogen war. Die aber jetzt die Pressefreiheit in Gefahr sahen. Ein richtiger Massenprotest, der die Verleger dazu zwang, die Kündigung nach vier Wochen rückgängig zu machen. Statt dessen wurde der Chefredakteur entlassen.

Wie fühlt sich das an, wenn die eigene Arbeit von anderen so wichtig genommen wird? "Das war schön", sagt Gerhard Jörder heute und fügt spontan hinzu: "Und ich fand das auch berechtigt!" Schließlich hatte er über Jahre hin immer wieder Angebote überregionaler Zeitungen ausgeschlagen. Und war als Theaterkritiker im ganzen Sprachraum renommiert. Trotzdem war es natürlich "ein Märchen. Ein Journalistenmärchen. Es hat mir das Urvertrauen in die eigene Tätigkeit bestätigt."

Das Vertrauen in die Badische Zeitung indessen war dahin. Ein Jahr später kündigte Gerhard Jörder von sich aus und ließ sich von Sigrid Löffler als ihr Stellvertreter nach Hamburg zur ZEIT holen, wo er allerdings auch nur bis 2001 fest blieb. Er ging nach Berlin und wurde Freiberufler. Seither spielt auch die Lehre eine entscheidende Rolle in seiner Arbeit: Seminare über Kulturjournalismus oder Theaterkritik an der Evangelischen Medienakademie, der Akademie der Bayerischen Presse oder der Burda Journalistenschule.

Er liebt die Vermittlung hier ebenso wie am Moderationstisch. Was andere denken, will er wirklich wissen. "Nur Kontakt mit Connaisseurs", sagt er, "ist gefährlich". In der Badischen Zeitung hatte er Berufsgruppengespräche organisiert. Da kamen etwa Klinikärzte, um mit den Redakteuren über das Feuilleton zu sprechen. In seinen Seminaren bleibt Gerhard Jörder, der selbst keine Kinder hat, dicht dran an dem, was man so Jugend nennt. Froh ist er auch, dass er nicht mehr über jeden "Hamlet" oder "König Lear" schreiben muss. "Lebenslang aus dem Schützengraben kritische Post ans Theater zu schicken, ist schwierig."
Schon wieder ein militärisches Bild. Vergessen zu fragen, wie er zum Wehrdienst steht. Ablehnend höchstwahrscheinlich. Bloß der Vater war in den letzten Kriegsjahren in Spanien noch eingezogen worden.

Nicht zuletzt ist die Geschichte von Gerhard Jörder vielleicht die eines jüngsten Sohnes, der, wie in vielen Grimmschen Märchen, mit den wenigsten Erwartungen belastet, sonnig seiner Wege zieht und dort ganz beiläufig siegt, wo die Älteren die Elemente zu zwingen versuchen. "Am liebsten", sagt er gegen Ende des Gesprächs, "würde ich es mit Polgar halten: 'Wenn der Vorhang aufgeht, bin ich ein weißes Blatt.'" Und dann lacht er, weil er weiß, dass das nicht geht. Aber zu Protokoll gegeben hat er es doch.

(Dieses Porträt wurde erstmals im Mai 2008 auf www.nachtkritik-stuecke08.de veröffentlicht.)

 

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