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Fremdheit  zulassen – Auf dem Symposium "Blick-Wechsel : Bild-Wechsel" diskutieren Akademiker und Künstler über die Rolle von Bildern im modernen Leben

Wir sind alle Kreuzungen, Bündel, Büschel

von Esther Boldt

31. Mai 2009. Wird sie gut geführt, so ist eine Debatte ein Spiel, in dem Redende sich den Ball zupassen, ihn flink um den Gegner herumdribbeln, um ihn unvermutet im Tor zu versenken. Nun gut, das Bild ist ein wenig übertrieben, Stadionjubel gibt es bei Symposien eher selten. Aber mitunter sind auch Akademiker verbal so wendig wie Lionel Messi mit dem zu Fuß. Nach dem etwas unscharfen Auftakt des Symposiums "Blick-Wechsel : Bild-Wechsel" kam der Ball am zweiten Tag ins Rollen. "Bildermacher, Bildexperten und Bildkritiker" kündigte die Theaterwissenschaftlerin und Mit-Organisatorin Kati Röttger an.

Das Ereignis der Verführung

Auf beiden Podien waren die Künstler in der Überzahl, die Zugriffe auf das Thema entsprechend nah an der künstlerischen Praxis. Bilder, so stellte Röttger in ihrem Eröffnungsvortrag fest, entstünden heute in enger Verbindung zu ihrer Rezeptionssituation und zum Rezipienten. Daher spiele der Blick des Betrachters eine mindestens ebenso große Rolle wie das Bild selbst. Bilder ereignen sich, sie "finden statt durch Wahrnehmung und Übertragung" und eröffnen also von vornherein Relationen.

Dass aus dem Podium ein ansehnliches Spiel wurde, verdankte sich vor allem den lebhaft und dicht argumentierenden Gästen. Jeden der beiden Themenblöcke eröffnete eine "Keynote", auf die jeweils zwei weitere Gäste Bezug nahmen. Die erste Runde, "Der Tauschwert der Bilder", moderierte die Bildwissenschaftlerin Dorothée Bauerle-Willert und pointierte immer wieder überzeugend: "Verführung ist eine Eigenlogik des Bildes, das uns über Grenzen, die wir vielleicht gar nicht selbst markieren können, hinaus trägt."

Das fleischlose Bild

Über die hier angesprochene "Alterität des Bildes" (d.h. seine Andersartigkeit) herrschte unter allen Beteiligten Einigkeit: In der Begegnung mit Bildern sollen Sehgewohnheiten angekratzt werden, sie bilden etwas ab, das kein Vorbild hat, sie zeigen die Welt allenfalls wie ein gesprungener Spiegel. Wer ein Bild betrachtet, tritt in die Unterhaltung mit etwas ein, "das nicht ich bin", wie ein Zuhörer sagte.

Durchaus streitbar argumentierte der argentinische Regisseur, Autor und Schriftsteller Rafael Spregelburd in seiner Keynote. Er schrieb eine schnelle Mediengeschichte von der Antike, in der das Bild mit dem Göttlichen korrespondierte, über die Neuzeit, in der die Ikone vom Kunst-Bild abgelöst wurde, bis in die Gegenwart, in der es zu einer "Privatisierung des Blickes" gekommen sei. In der globalen Bilderflut würden diese nur noch allein am Computer konsumiert, die unabdingbare "Alterität des Bildes" gehe verloren. Statt Gesellschaft als Sinngemeinschaft zu stiften, vereinzelten die digitalen, fleischlosen Bilder.

Mit dem Begriff gegen den Begriff

Der Frankfurter Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann schickte erstmal zwei Definitionen voraus, die die Platon'sche Hierarchie von Bild und Idee aufbrechen und beide zusammendenken: "Bilder sind, wenn sie gute Bilder sind, Denken in Farben und Bewegung. Denken, wenn es gutes Denken ist, ist Denken mit dem Begriff gegen den Begriff."

Und dann nahm er Spregelburds Ball freundlich auf, um ihn geschmeidig um die eigene Achse zu drehen. Er widersprach dessen "apokalyptischer" Diagnose von der zeitgenössischen Über-Bildproduktion und der Vereinzelung des Rezipienten. Es müsse heute darum gehen, Bilder von den Techniken der Aufmerksamkeit und Fokussierung her zu denken. Und es entstünden durchaus neue Formen der Gemeinschaft, die das kritische, prozessuale und relationale Potenzial der digitalen Bilder nutzen und "in Netze verflochten sind, die nicht nur jene der Macht sind".

Die neue Geselligkeit der Bilderfreunde

Es gebe neue Kunstformen der Geselligkeit, und so wolle er anstelle von Spregelburds "Privatisierung des Blickes" eine andere Diagnose stellen: In der Antike sei es in Bildern um die Beziehung zu Gott gegangen, in der Neuzeit um die zur Welt und in der Gegenwart gehe es um Intersubjektivität, um menschliche Beziehungen. Eine feine Idee, die Lehmann aber sofort mit einem kritischen Gemeinschaftsbegriff unterfütterte: Anstatt Gesellschaft als Sinngemeinschaft zu verstehen, spreche er lieber mit Jean-Luc Nancy von einer "Gemeinschaft der Ungemeinschaftlichen", also weniger von einer homogenen Masse als von einer heterogenen und beweglichen Struktur.

Auch auf dem zweiten Podium, "Streitbilder", ging es darum, welche Subjekte sich im Bild konstituieren, aber stärker unter dem interkulturellen Aspekt. In ihrem Eröffnungsvortrag hatte Kati Röttger angemerkt, in der Geschichte Lateinamerikas sei seit der Kolonialisierung der Bilderstreit ein prägendes Element, es käme immer wieder zu "Unterlaufungen und Aneignungen der Bilder von Macht", beispielsweise der christlich geprägten Ikonografie. Die chilenische Regisseurin Manuela Infante führte diesen Gedanken konsequent fort: Es gehe nicht mehr um binäre Systeme wie Text und Inszenierung, die eine und die andere Kultur, sondern vielmehr um Identität und Mobilität: "Ich verstehe mich als Hybrid."

"Ich verstehe mich als Hybrid"

Ihre künstlerische Arbeit situiert sich in diesem kulturellen Bruch und nimmt die kolonialistischen Einflüsse "unserer Mutterländer" in Europa als gegeben hin, denn "Amerika ist ein Mischkontinent, ethnisch wie symbolisch". Dazu trage heute die globale Dynamik bei, "die das Koloniale überschreitet und die Idee einer puren Identität untergräbt". Und Bauerle-Willert pflichtete bei: "Man kann von dem fröhlichen Hybrismus Lateinamerikas lernen, der binären Falle zu entkommen. Wir alle sind Kreuzungen, Bündel, Büschel!"

Kati Röttger drehte die Schraube noch eine Spur weiter: Geht es heute gar nicht mehr darum, Kunstwerke in einer Kultur zu verankern? Kann eine deutsche Inszenierung nicht ebenso befremdlich wirken wie eine aus Chile? Wenn die Begegnung mit Bildern grundsätzlich eine mit etwas Anderem, Faszinierenden, Irritierenden ist – ist dann die Diskussion über interkulturelle Verständigung nicht obsolet? Eine radikal wirkende Frage, die so schnell nicht beantwortet ist. Aber mit Brecht werden ja Probleme durch das Anhäufen von Problemen gelöst.

Hier geht's zum Bericht vom Auftakt des Symposiums inklusive Dea Loher-Gastspiel aus Montevideo, Uruguay. Und hier lesen Sie über die Internationale Übersetzerwerkstatt.

 

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