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Auf Zeche Zollverein – Die internationale Übersetzerwerkstatt erkundet das Ruhrgebiet

Von der Kohle zur Kultur

von Sarah Heppekausen

1. Juni 2009. Der Gästeführer erzählt es im Kohlebunker der Kokerei wie nebenbei, kurz bevor der zweistündige Rundgang auf dem Gelände der Zeche Zollverein zu Ende geht: "… und wenn wir dann im nächsten Jahr Kulturhauptstadt sind …" Wie, was für eine Hauptstadt? Die beiden Übersetzerinnen aus Venezuela und Uruguay, als Teilnehmerinnen der ITI-Übersetzerwerkstatt mit dabei, können es kaum fassen: "Essen ist Kulturhauptstadt Europas?" Historische Bedeutung als Knotenpunkt der Industrialisierung, gut, das habe die alte Bergbauregion Ruhrgebiet. Das ist bekannt, auch in Lateinamerika. Aber eine kulturelle Strahlkraft, die über die Landesgrenzen hinausreicht? Da spricht Zweifel aus den Blicken der beiden.

Förderweltmeister gestern und heute

Es ist eben dieser Wandel von einer Industrie- zur Kulturregion, den die Organisatoren des Mülheimer Symposiums von der Theater- und Mediengesellschaft Lateinamerika den Teilnehmern bei einer Exkursion durchs Ruhrgebiet vermitteln wollten. Man probiert, in Anlehnung an das Symposiumsthema, den anschaulichen Blick- und Bildwechsel. Und wo geht das besser als auf der Zeche Zollverein, der einstmals förderungsstärksten Steinkohlenzeche der Welt. 12 000 Tonnen Kohle wurden hier bis zur Stilllegung im Jahr 1986 täglich gefördert.

Heute ist das riesige Zechengelände Unesco-Welterbe und ausgewiesenes "metropolitanes Zentrum für Kunst und Design", wie es im Katalog zur Kulturhauptstadt "Ruhr.2010" heißt. In der ehemaligen Kohlenwäsche entsteht das Ruhrmuseum, in der alten Waschkaue tanzen bei PACT Zollverein die Kompanie von Wim Vandekeybus oder die Needcompany, im Kesselhaus wohnen die Design-Gewinner des Red Dot Awards, in der Lesebandhalle zeichnen Künstler in ihren Ateliers.

Schwarzweiß wird grün

Einen "Kurzurlaub im Ruhrgebiet" kündigt Stücke-Dramaturgin Stephanie Steinberg also vielversprechend im Bus an. Wobei auch sie sich einen ironischen Unterton nicht ganz verkneifen kann, die Anführungsstriche spricht sie irgendwie mit. Es sind nicht nur die Ortsfremden, die das Ruhrgebiet eher mit kruden Geschichten über Bergarbeiter denn mit Naherholungstourismus und lohnenswerten Ausflugszielen verbinden. Auch die Einheimischen selbst haben es noch nicht gelernt, ihren einmaligen Städteverbund marketinggerecht zu verkaufen.

Die Lunchpakete sind verteilt, Wasser mit und ohne Kohlensäure in die Taschen gepackt, die Kameras gezückt. Und schon im Bus fällt der erste "Urlaubs-Kommentar": "Es ist alles so grün hier", meint die russische Übersetzerin Alla Rybikowa. Der Satz wird noch häufiger zu hören sein, beim Rundgang im Zollverein Park und in 117 Metern Höhe auf dem Gasometer Oberhausen, einem ehemaligen Kokereigasspeicher. "Und das beste ist die frische Luft hier oben", ergänzt Claudia Sierich aus Venezuela. Das hätte sich vor fünfzig Jahren wohl niemand vorstellen können, dass dieser Satz einmal von einer strahlenden Ruhrgebiets-Touristin ausgerufen würde. Damals, als die Kohle noch die Fenster und die weiße Wäsche schwärzte.

Performerin am Wegesrand

Von der Arbeit über und unter Tage erzählen die Gästeführer auf Zollverein. Aufgeteilt in drei Gruppen lassen sich die Teilnehmer der Übersetzerwerkstatt, des Symposiums und die Schauspieler von El último fuego (Das letzte Feuer) aus Uruguay den Steinkohleabbau erklären. "1000 Meter tief, wie kann man denn da atmen?", fragt Claudia Sierich nach. Es sind vor allem die unmenschlichen Arbeitsbedingungen, die den lateinamerikanischen Übersetzern zu denken geben. "Wahnsinn, es waren Menschen, die hier gebohrt haben, keine Maschinen." Über die Namen der Flöze wie "Sonnenschein" und "Wasserfall" kann die Venezolanerin da nur staunen. Sie klingen nach Hohn, oder nach gutem Humor.

Auf dem Weg vom Ehrenhof mit seinem immer wieder abgelichteten Förderturm zur Kokerei begegnen der Gruppe nicht nur viele Feiertagsausflügler (es ist Pfingstsonntag, die Sonne scheint), sondern auch eine Ansammlung von Stühlen. Vlatka Horvat, Live-Art-Künstlerin aus den USA, ist in ihre Arbeit vertieft: Sie arrangiert 50 Stühle immer wieder neu, positioniert sie für Begegnungen mit imaginierten Be-Sitzern. Es ist eine Performance der PACT Zollverein-Programmreihe "Jetlag", in die wir da geraten sind. Alte Industrie trifft Kunst, so ist das eben auf Zollverein.

Im Sog der neuen Räume

Und das ist es auch, was die lateinamerikanischen Übersetzer so fasziniert. Zum Beispiel Monica Moldovanyi aus Chile: "Wie man ein ausgedientes Gerüst in einer Fülle von Räumen so um- und neugestalten kann, das ist beeindruckend." Diese Räume "sprängen" einen förmlich an, wenn man vom Theater komme. Das habe sie in diesem Ausmaß nicht erwartet, noch nirgends gesehen, und sie könne sich auch nicht vorstellen, dass so etwas in Chile vergleichbar realisiert würde. "Das ist so zivilisiert hier."

Klar, die Zeche Zollverein ist das Vorzeige-Objekt des Ruhrgebiets und seiner Industriekultur. Es läuft nicht an allen Orten so vorbildlich. Aber es ist auch nicht das einzige kulturelle Highlight in dieser Region. Und wenn die lateinamerikanischen Gäste am Abend nicken und sagen, jetzt könnten sie besser verstehen, warum das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt würde, dann hat doch tatsächlich ein Blickwechsel stattgefunden. Das Ruhrgebiet hat eine reizvolle Bildbotschaft ausgesendet. Und die Symposiums-Teilnehmerin Kerstin Junge, Bühnenbildnerin aus Dresden, bringt sie auf den Punkt: "Eigentlich müsste man ins Ruhrgebiet ziehen, hier passiert soviel."

Hier lesen Sie mehr zur Internationalen Übersetzerwerkstatt des ITI, die die Mülheimer Theatertage mit zwei Gruppen (die zweite speziell für Übersetzer aus Lateinamerika) begleitet.

Außerdem ein Portrait von PACT Zollverein auf nachtkritik.de.

 

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