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Spielpause in Mülheim – eine Reise zu Palmetshofer nach Bochum

Sound, Struktur und Food for Thought

von Christian Rakow

18. Mai 2009. Wie heißt das noch mal bei Ewald Palmetshofer, wenn's Freunde auseinander treibt an den Verzweigungen der Lebenslinien? "Wer wird denn auf eine Reise gehen, ohne die Möglichkeit abzubiegen." Heute war also der erste spielfreie Tag in Mülheim, und wir zweigten erstmals ab, rüber nach Bochum zur "alten Dame" Schauspielhaus. Eine weite Reise ist es nicht (knappe 20km auf der A-40). Auch nicht im übertragenen Sinne.

Denn mit Ewald Palmetshofer spielen sie an diesem Sonntagvorabend die Dramatikerentdeckung der letzten Spielzeit. Bei Stücke '08 galt er mit hamlet ist tot. keine schwerkraft als einer der Geheimfavoriten des Preisentscheids und sorgte prompt für eine der Kuriositäten der Jury-Abschlussdiskussion. Wie viele Leichen waren es denn nun, die dieser Gräuelschwank aus einer österreichischen Kleinbürgerfamilie uns da auftischt, zwei oder drei oder überhaupt keine? Da war man sich in der Jury seinerzeit nicht so sicher.

Zwei, drei Leichen und ein wohlgenährter Plot

Etwas ist also dran an diesem Palmetshofer, und zwar anscheinend etwas mehr als das saftige Fleisch eines wohlgenährten Plots. Muss man Leichen zählen, wenn's verwickelte Monologe zu hören gibt, wie lange nicht? Eruptiv und hoch repetitiv schwappen hier stream of consciousness-artige Wortkaskaden über den eher schlichten Handlungsablauf hinweg. Wir lauschen dem Sound eines Denkens bei der Verfertigung – oder beim verzweifelten, überstressten Zucken.

Dass in diesen Monologen im Übrigen tatsächlich gedacht wird und zwar auf der Höhe unseres kulturellen "Denkmaterials" (by courtsey of René Pollesch, Fantasma), hat den Jungautoren umgehend in den Ruch einer empathiefernen Intellektualität gebracht. Als sei die Rechnung Slapstick plus Pop plus postmoderne Theorielust allein bei René Pollesch zu dulden. Dabei darf, wer von Begehren und familiären Triebstrukturen reden will (Hamlet!), durchaus auch seine Deleuze/Guattari gelesen haben.

Das Geschäft mit den Terminen

Sound, Struktur und Food for Thought – man vermisst Palmetshofers Stimme bei Stücke '09. Wieso eigentlich? Ein Fall von Termin-Missmanagement. "wohnen. unter glas", der Nachspielerfolg dieser Saison (soeben hatte es am Deutschen Theater Premiere, eine von sechs Produktionen in dieser Spielzeit), hatte seine Uraufführung kurz vor Toresschluss der 2008er Auswahl und unterlag damit seinerzeit der Konkurrenz aus dem eigenen Haus, Palmetshofers "hamlet ist tot". "faust hat hunger" (wie "hamlet" uraufgeführt von der diesjährigen Mülheim-Jurorin Felicitas Brucker) fällt ebenso wie "helden" in den kommenden Turnus der Stücke '10.

Teilweise liegen Palmetshofers Stücke schon länger vor, plötzlich aber sprießen ihre Uraufführungen allerorten. Ein Hype, auch das, ein wenig jedenfalls. Man fühlt sich an das Erscheinen Jacques Derridas auf der internationalen Theorieszene erinnert. Der packte seine Hauptwerke 1967 auch mit einem Schlag auf den Tisch. Die Ökonomie des Erfolgs braucht wuchtige Auftritte.

Wohnen in Bochum

Nun also Bochum, volles Haus. Kristo Šagor ist ausgezogen aus dem Theater unter Tage (das er für sein "Wohnen unter Tage" zum Bunkerappartement umfunktioniert hatte). Jetzt ist der Raum wieder kahl und rund, die Säulen stehen ein bisschen im Weg. Ein Bergpanorama ziert die Betonwände, mittig steht ein Aussichtsplateau. Schau- und Zurschaustellungsplatz für drei Vereinzelungskünstler, die Palmetshofer hier in ihrer abgewrackten Beziehungskiste arrangiert. Bochum schickt seine erste Schauspielriege: Elegant balanciert Claude de Demos Jeani auf dem Drahtseil der Zickigkeit gegen Louisa Stroux (Babsie), die wie stets mit hoher aufgeweckter Stirn dem Irrsinn der Dinge trotzt.

Alles aber läuft in dieser (mit anderen denn schauspielerischen Mitteln sparsamen) Inszenierung von Katja Lauken auf Max zu, den "Onanisten, so ganz gattungsmäßig". Marc Oliver Schulze erinnert mit seinem Oberlippenbart ein wenig an den jungen Burt Reynolds und hat mindestens ebenso viel Goldsucher-Appeal. Nur sind die Flüsse hier schon ausgewaschen. Max alias Schulze ist einer, der die Reste sammelt, und das macht er rückhaltlos, hellwach, packend. Wenn die Gedanken wie Florettspitzen geschliffen sind, dann blitzen für Momente seine blauen Augen.

Gegen den Perspektiven-Visionen-Scheiß

Mal zart dosierend, dann kraftvoller schleudert er uns die Stummelmonologe vor mit allem Selbstekel, den so ein Thirtysomething aufzubringen vermag: "Du weißt über Jeani kommst du nicht raus, weil du zu den Menschen mit dem flachen Zenit gehörst". Will heißen: Höhepunkte sind schlank und rar, und meist muss man sie sich ohnehin im Nachhinein in die Tasche lügen. Das ist die Philosophie von Max, sein Denken gegen die erfolgreichen Generationenkollegen und ihren "Perspektiven-Visionen-Scheiß".

Wenn in Mülheim Sibylle Berg gastiert, dann wird man sich an diesen Abgesang auf die schönen Karriereleben erinnern können: "Überall Glas. 'Höher kommst Du nicht', sagt dir das Glas. Du wohnst unter Glas, Baby". Schlechte Prognosen. Einstweilen. Aber wer weiß, was die goldenen letzten Jahre noch so bringen.

Gestern Abend, am 17.5., hatte wohnen. unter glas Premiere in der Box des Deutschen Theaters in Berlin. Hier geht's zur Nachtkritik.

Kommentare (1)

18. Mai 2009, 17:05
Lotte: ...
Dass Palmetshofer immer noch nicht mehr gewürdigt wird, ist mir ein großes Rätsel! Da wird überlegt, wie man die Leute mehr ins Theater bringen kann, und gleichzeitig übersieht der Theaterdiskurs das Potential, das in einem Autor wie Palmetshofer steckt. Die Verbindung aus Tiefsinn und Witz ist absolut Mülheim-Gewinn-verdächtig. Warum hat Palmetshofer nicht schon letztes Jahr Mülheim gewonnen?!?

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