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Geisterfahrer – Lutz Hübners bedienerfreundliche Mittelstandsstudie über die Grenzen einer Nachbarschaftsutopie

Self-made Sozialmodell

von Christian Rakow

Mitfahrgelegenheiten sind eigentlich die letzte Nische, in der das Prekariat eine Art Schicksalsgemeinschaft ausbilden kann. Zumindest für die Dauer einer Autofahrt. Im Bestreben, die DB-Kosten zu umgehen und trotzdem mobil zu bleiben, treffen sich dort über Pendlerzentralen bevorzugt Freiberufler, Langzeitstudenten und Arbeitslose. Die Gespräche sind, wo alle das "Wir wollen uns irgendwie durchschlagen" teilen, für gewöhnlich intensiv und aufschlussreich. Ein Übersetzer meinte einmal auf einer solchen Fahrt, für Altersvorsorge habe er kein Geld. Aber: "Ich bau auf meine Freunde." Einer von denen sei Anwalt, und der würde zur Rente hin ein Haus kaufen, in dem man gemeinsam altert und sich gegenseitig pflegt. Ein self-made Seniorenheim – auch eine Art von Schicksalsgemeinschaft.

Erinnerungen wie diese kommen wieder in den Sinn, wenn man Lutz Hübners neues Stück "Geisterfahrer" liest. Zwar sind wir hier noch ein Stück von den Ruhestandsjahren entfernt, die Figuren alle gerade Ü-40, aber immerhin. Das Sozialmodell steht schon bereit. Wir sehen ein Drei-Parteienhaus in einer besser situierten Gegend Hannovers, angekauft und grundsaniert von drei verheirateten Jugendfreunden: Harald (Rotary-Club-Mitglied) und Frau Silke ("Vollblutmutti") können auf sein Chefarzt-Gehalt bauen. Pitt (gescheiterter Jazz-Pianist und Musiklehrer) und Ehefrau Gaby (Psychologin) haben ein Erbe eingebracht. Und Jens (erfolgloser Kneipier) "hat sich seine Wohnung erarbeitet, er war unser Bauleiter". Wohl dem, der Jugendfreunde hat! "Das ist nicht irgendein Haus mit drei Parteien, das ist ein Lebensentwurf", lässt Harald wissen.

Der Hübner-Effekt

Mit diesem sozialromantischen Entwurf zündet also der typische Hübner-Effekt: Davon habe ich auch schon gehört, sagt man, so ist es wirklich! Wo der Zuschauer ein Echtheitszertifikat ausstellt, besteht Hübners zeitgeistdramatisches Theater die Nagelprobe. Und es zündet seinen Diskussionsstoff, der dazu angetan ist, die Nachbarschaftsutopie zu sprengen. Denn Jens, so erfahren wir, hat sich, dem Alkohol verfallen, auf einer Geisterfahrt mit seinem Auto tot gefahren. Seine Frau Sabine hat das Haus verlassen und ist doch als das schlechte Gewissen der Hausgemeinschaft insgeheim weiter anwesend ("Für Sabine sind wir natürlich Schuld").

Diese Ereignisse aus der Vorgeschichte mitsamt dem sozialen Dilemma des Hauses aufzudecken, bleibt einer neuen Partei vorbehalten, die zu Stückbeginn in Jens' und Sabines alte Wohnung einzieht: Johannes und Miriam nehmen als Brasilienheimkehrer den Staffelstab der prekären Existenzen auf. Er ringt verzweifelt um eine Hochschuldozentur; sie kommt als Übersetzerin relativ gut über die Runden. Auch ihnen misslingt die Eingewöhnung. Denn die ach so lieben Freunde und Hausgenossen bilden ein äußerst problematisches Biotop.

Ein Haus voll schlechter Energie

Harald ist ein vom Familienleben genervter, dauerdominanter Männerbündler, Silke das selbstmitleidige Heimchen an seiner Seite. Während Gaby stets kühl und analytisch auftrumpft, sucht Pitt penetrant eine Affäre mit Miriam. Überall wird eheliche Frustration durch Lifestyle kaschiert. Regelmäßige Koch- und Weinabende sollen den Freundschaftsbund besiegeln, doch enden sie zumeist im Zwist. Zu allem Überfluss erhalten Johannes und Miriam mysteriöse Anrufe einer alten Dame, die durch Jens' Selbstmordcrash ihre Kinder und Enkel verlor. Genug Grund zur Resignation: "Das ganze Haus hier ist voll schlechter Energie."

Das Nachbarschaftsideal wird nicht gelebt. Wo Hilfe Not tut, wie im Falle von Jens und Sabine, bleibt sie aus. Im letzten Bild des Stückes greift Silke nach einem Portemonnaie. Mammon lässt grüßen: Das Hemd ist eben näher als die Hose und Wohlstand letztlich unteilbar. So die etwas bröckelige Moral. Doch diese Annäherung an den ethischen Gemeinplatz dürfte einen guten Teil des Hübnerschen Erfolgsrezepts ausmachen. Gleichzeitig liefert sie Gründe dafür, weshalb dieser meistgespielte deutsche Gegenwartsdramatiker mit einem Output von mehreren Stücken pro Saison von der Kritik jahrelang ignoriert wurde. Die Fragen nach Schuld und Lösungsalternativen im Einzelnen, der gewissermaßen system- und diskursfreie Glaube an individuelle Handlungsgewalt ("Du musst Dein Leben ändern!"), der hier regiert, haben viel eher im erzieherischen Jugendstück ihren Platz (wo es Hübner selbstredend auch zur Meisterschaft gebracht hat, so mit Klassikern wie "Das Herz eines Boxers" von 1996).

Jugendlich transparent und bedienerfreundlich ist auch "Geisterfahrer" eingerichtet. Die einzelnen Szenen, meist Weinrunden kurz vor der Auflösung, steuern zielsicher auf Pointen zu. Nur gegen Ende, wo sich das Theater zum anschließenden Publikumsgespräch hin öffnet, wird die Lösung an das Publikum delegiert. Denn ob Johannes und Miriam nach allen Einblicken in das betrübliche Hausinnenleben ausziehen (sollen), lässt das Stück offen.

Die Kraft des Populären

Jedoch die Kraft des Populären, für die Hübner steht, ist mit Realismuseffekt und Zeitgeistigkeit nur halb erklärt. Tatsächlich haben wir es auch mit einer virtuosen, auf Ein-Satz-Volten angelegten Konversationsdramatik zu tun. Hübner wirkt hier wie ein Skatspieler, der auf jede Karte einen Stich macht und dabei etwas schelmisch verschweigt, dass er tatsächlich einen Grand Ouvert mit Vieren auf der Hand hat. So bleiben seine Figuren noch in der tiefsten Trübsal ihrer Ehe schlagfertig, wenn etwa Pitt und Gaby den Beischlaf der Neuen belauschen:

Pitt: Das ist mein kleines privates Interesse, wie diese Frau wohl klingt, wenn sie kommt.
Gaby: Willst Du jetzt widerlich sein oder verrucht?
Pitt: Du kannst gern zu Bett gehen, wenn es dich anwidert.
Gaby: Ich bin nicht prüde.
Pitt: Nein, aber wir ficken nur noch, damit du besser einschlafen kannst.
Gaby: Woher willst Du wissen, dass es bei denen anders ist?
Pitt: Klingt irgendwie besser.

Spätestens mit der Theatertreffen-Einladung für das Urlaubsdrama "Hotel Paraiso" (2005) – wie "Geisterfahrer" eine Uraufführung des Schauspiels Hannover in der Regie von Barbara Bürk – kann man eine schrittweise Aufwertung des Hübner'schen Schaffens verzeichnen. Die Tageszeitung Die Welt hat ihn bereits mit einigem Recht als deutsches Pendant zu Yasmina Reza gefeiert. So dürfte mitnichten auf den Künstler Hübner (Alter: 45) zutreffen, was der Brasilienheimkehrer Johannes von sich behauptet: "Ich weiß wenigstens, dass ich gerade dabei bin, meine besten Jahre zu beenden. Besser wird nichts mehr, im günstigsten Fall kann man seinen Standard halten."

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