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Kritische Masse – Oliver Bukowski prüft den aktuellen Zustand seines bewährten Prekariat-Personals

Ackermann, grill du voran!

von Andreas Jüttner

Was fällt Ihnen zum Namen "Ackermann" ein? Sicher eher Finanzkrise als Sozialfall. Doch Lothar Ackermann steckte schon in seiner persönlichen Finanzkrise, bevor sich irgendwer über seinen Namensvetter Josef aufregte. Ins Leben gerufen wurde Lothar Ackermann 1996, mit der Uraufführung von Oliver Bukowskis Groteske "Bis Denver". Jetzt ist er wieder da, samt Kumpel Horst Paschke, noch genau so versoffen wie damals, aber noch eine ganze Ecke perspektivloser. Moment mal: Horst Paschke? Wurde der nicht am Ende von "Bis Denver" erschossen? Und wer tritt in Bukowskis neuem Stück "Kritische Masse" sonst noch auf? Ein Ehepaar Gretschke? Ein Lutz Miersch? Sind die nicht in "London - L.Ä. - Lübbenau" (1994), bzw. dem Mülheim-Gewinnerstück "Gäste" (1999) final abgetreten?

Mag sein, doch Bukowski schreibt hier nicht deren Biografien weiter. Er reanimiert einige seiner bisherigen Antihelden zwecks Überprüfung, was sich solche Figuren nach acht, zehn, zwölf weiteren Jahren des vergeblichen Wartens auf blühende Landschaften im Osten denn heute so alles einfallen lassen, um durchzukommen. Der Befund: erschreckend wenig. Früher schlugen Bukowskis Stücke oft tragikomische Funken daraus, wie über den Tisch gezogene Ost-Existenzen sich mit unbedingtem Willen, aber mit umso bedingterer Kompetenz ihr Kuchenstück von der angeblich segensreichen Marktwirtschaft sichern wollen. Inzwischen, so zeigt "Kritische Masse", ist auch der Wille weg.

"Erst am Abgrund wachsen einem Flügel"

Bukowski wählt hierfür eine simple Versuchssituation: Was tun die Abgehängten und Ausgemusterten, wenn sie sogar vom Arbeitsamt im Stich gelassen werden, weil das geschlossen hat? Schreiten sie nun zur Revolution, die Herren Paschke und Ackermann, das Mutter-Tochter-Gespann Steinke, der ausgemusterte Professor Terre, der Möchtegerndichter Nickel, die feingeistige Frau Stoklosa, der bankrotte Wirt Majo-Hajo? Nein: Sie sind vom steten Tropfen der jahrelangen Ablehnung so ausgehöhlt, dass sie allenfalls zum Grillnachmittag im Park schreiten. Unter mitleidigem Augenzudrücken der Polizei, was Ackermann als ultimative Demütigung einstuft.

Und in der Gruppe geht es, zumal bei steigendem Alkoholpegel, dann kaum noch um die Frage, wie man sich denn aus dem Sumpf ziehen kann. Da ist so wenig zu hoffen, dass sogar Lisa, die einzige mit Jobaussichten ("Ganz so das Gelbe vom Ei isses auch nicht geworden ... 'Betreut mitwohnen' betreuen"), sich solidarisch an die (ab-)saufende Gruppe hängt. Denn der einzige Traum, den man sich in diesem Umfeld noch erlaubt, ist jener von Zweisamkeit. Was Lisa zunächst sarkastisch kommentiert ("Erst am Abgrund wachsen einem Flügel" / "Setzt Notgeilheit erst mal Not voraus, oder was?"), bevor sie sich dann doch an Terre heranpirscht. Und weil das Feld der Gefühle das einzige ist, das nicht vom Arbeitsamt geregelt wird, ist hier noch Raum für Höhenflüge – und Abstürze.

Per "Short Cuts" ins Panoptikum

In diesem Fall erwischt es die allein erziehende Jessica, die erst Lutz Miersch als Penner von der Parkbank zurück ins Leben holt (nach dem Sex nennt er sie "Defilibrator"), um dann von ihm beklaut und sitzengelassen zu werden. Anfangs hatte sich Jessica noch mit pointierten Sprüchen gegen eine Bindung gewehrt: "Es liebt und fickt sich schwer mit Mietrückstand im Nacken." Am Ende ist Schluss mit lustig: Bukowski wechselt (wie in "Gäste") zum Finale die Tonart: Auf offener Szene bringt Jessica ihr Kind um, in ihren Augen in einem Akt der Gnade: "Ich tu das für dich, noch bevor du wertlos werden musst."

In diesem drastischen Moment zeigt sich der Sinn von Bukowskis Entscheidung für ein derart personalintensives Stück, das im Short-Cuts-Stil diverse Handlungsstränge ineinander montiert: Für sich genommen wäre die Story von Jessica und Lutz zwar die einzige, die auch ohne das sonstige Umfeld eine Erzählung ergäbe, doch stünde sie dann in ihrer simplen Melodramatik ziemlich schutzlos da. Da Bukowski aber die Gelegenheit eines Auftragswerk für eine große Bühne wie das Hamburger Schauspielhaus weidlich genutzt hat, ist diese Geschichte quasi der Treibstoff für ein buntes Panoptikum, der Anlass für eine facettenreiche Zustandsbeschreibung.

Ein Chor bringt sich in Rage

Allerdings wirkt der Spagat zwischen sozialem Drama und Daily Soap mitunter, als sei manche Figur nur als Problem- und Pointenlieferant konstruiert: Die Modemarkenfixiertheit von Mutter und Tochter Steinke wäre dramaturgisch genauso verzichtbar wie das Geplänkel zwischen dem zeitweiligen Postboten Stucker und dem Möchtegerndichter Nickel, in dessen Versuchen, dem Volk aufs Maul zu schauen, Bukowski sich selbst mit überdeutlicher Selbstironie (inklusive Nennung des Stücktitels) aufs Korn nimmt.

Indirekt kommentiert wird auch Volker Löschs am gleichen Haus herausgekommene "Marat"-Inszenierung, die gut eine Woche vor Bukowskis Mülheim-Auftritt beim Berliner Theatertreffen gastiert. Die bei Lösch auftretenden echten Hartz-IV-Empfänger haben mit dem Verlesen der Namen und Adressen der reichsten Hamburger wenigstens einen leichten Sturm im Feuilleton-Wasserglas ausgelöst. Von solcher Aufmerksamkeit ist der verzweifelte Doch-Noch-Protestmarsch von Bukowskis Grillgruppe weit entfernt: Er bringt ihnen nicht mal eine Meldung in der Lokalzeitung.

Was daraus folgt, fasst Lothar Ackermann präzise zusammen: "Man macht, und es passiert nüscht. Wenn aber nüscht davon passiert, dann passiert man irgendwie selbst auch nicht mehr." Bukowskis Figuren haben sich von der mörderischen Illusion "Wer will, der kann auch" verabschiedet. Ihre zähe Agonie ist ein Menetekel, das den aufgedonnerten Schluss gar nicht bräuchte: Da reden sich alle mittels Beruhigungsmantras erst recht in Rage und werfen, so die Regieanweisung, "endlich ihre Brandsätze ins Parkett". Oder doch nur ihre verkohlten Grillwürste?

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