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Presserundschau zur Jurydebatte und Preisvergab
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liebe sabine. du bist doch gar keine sabine. du bist doch
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Das sind doch bedenkenswerte Argumente von Claus Peymann,
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Ja, das ist schade, daß Jelinek keine echte Konkurrenz hat
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mäandern in Jelineks preigekröntem Stück "Rechnitz". Wie a

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Kommentar zur Jurydebatte um den 34. Mülheimer Dramatikerpreis

Alternativlos

von Christian Rakow

3. Juni 2009. Elfriede Jelinek also erhält den mit 15.000 Euro dotierten 34. Mülheimer Dramatikerpreis für Rechnitz (Der Würgeengel). Sie siegt mit einer gut einhundert eng bedruckte Seiten umfassenden Folge von Botenberichten zu einem Massaker an Zwangsarbeitern in den letzten Kriegstagen. Schonungslos sarkastisch, kalauernd, mäandernd. Es ist ein Stück, das sich in kunstvoller, rücksichtloser Weise den Sprachformen von Geschichtsleugnern und Geschichtsverdrehern angleicht, um sie in ihrem bizarren Herrschaftsdenken bloß zu stellen.

Die Preisvergabe fiel so unstrittig, so wenig überraschend aus, dass der Reiz der Jurydebatte im Wesentlichen darin bestand, den Eindruck zu vermeiden, Jelinek sei in diesem Jahr gewissermaßen konkurrenzlos angetreten. Auf dem Podium hatten neben Moderator Gerhard Jörder die Preisjuroren Platz genommen: Felicitas Brucker (Regisseurin und als solche 2008 mit Palmetshofers "hamlet ist tot. keine schwerkraft" selbst Gast in Mülheim), Peter Carp (Regisseur und Intendant des Theaters Oberhausen), Heike Müller-Merten (Dramaturgin) sowie die Theaterkritiker Dirk Pilz (Mitgründer von nachtkritik.de) und Franz Wille (Theater heute). Letzterer vertrat in diesem Jahr das Auswahlgremium, das die Stücke für die Theatertage nominiert, in der Jury.

Schicksal und Zufälle

Betont harmonisch, und damit ganz im Tenor der Publikumsgespräche der vergangenen drei Wochen, verfuhr das Podium mit den Kandidaten, die als erste ausschieden: "Sympathisch" sei Ulrike Syhas Privatleben, aber doch etwas "lauwarm" in der Schilderung erschöpfter, narzisstischer Menschen (Carp). Lutz Hübner habe mit Geisterfahrer ein geschicktes well-made-play verfasst, das jedoch vorhersehbar (Brucker) bis "restlos ausdefiniert" (Wille) wirke. Sibylle Bergs Die goldenen letzten Jahre punkteten durch "Garstigkeit", schlingerten aber unentschieden zwischen Groteske und Sozialdrama – summa summarum: eher ein "Exzerpt für einen Stückauftrag" (Pilz).

Von der Gelegenheit, das diesjährige Tableau von seinen Rändern her zu kritisieren, mochte niemand Gebrauch machen. "Einladungswürdig" sei alles gewesen (Müller-Merten), kein schlechter Jahrgang. Im wiederholten Rückgriff auf den Schicksalsbegriff böten die verschiedenen Stücke eine "durchaus zutreffende Gegenwartsbeschreibung einer alternativlosen Gesellschaft", so Pilz.

Von Alternativen zu den Nominierungen war lediglich en passant die Rede: Die Abwesenheit der jüngeren Generation (siehe unseren Kommentar) sei eher den Zufälligkeiten eines Kalenderjahrgangs geschuldet, erläuterte Franz Wille und ließ sich bei den Interna der Auswahl auch sonst wenig in die Karten schauen: Palmetshofer hätte außerhalb des Einladungszeitraums gelegen (siehe auch unseren Kommentar). Autoren wie Thomas Freyer (mit Nachdruck vorgeschlagen von Brucker) würden diskutiert; Romanbearbeitungen ebenfalls, so sie denn Originalwerkcharakter besäßen (Koen Tachelets Münchner Hiob-Bearbeitung etwa sei eher "gutes Dramaturgenhandwerk", so Wille).

Stillstandsbeschreibung zehn Jahre zu spät

Wie viel fügt eine gute Regie dem Stücktext hinzu? Diese mit dem Hamburger Gastspiel von Kritische Masse aufgeworfene Frage blieb auch in der Finalrunde der Preisjury virulent, wenigstens im Falle von Bukowski und Schimmelpfennig. Einhellig fiel das Lob für Nüblings Umarbeitung von "Kritische Masse" aus; mehr Bedenken gab es gegen Bukowskis Vorlage, die ihr zweifelsohne relevantes Thema – sozialer Protest – mit zu wenig Gewaltpotenzial ausstatte (Brucker), in toto zu "sozialromantisch" gerate (Wille), oder ihre Kritik scheinbar "anlassfrei" entwickele (Müller-Merten, Pilz).

Schimmelpfennigs erzählerisches Hier und Jetzt konnte sich dagegen recht gut dem Eindruck erwähren, alle Qualität und Komik der Inszenierung entstamme Jürgen Goschs Regiezugriff. Das "Bild einer Stillstandsgesellschaft", entdeckte Wille in dem Text. Es käme jedoch zehn Jahre zu spät, beträfe eher das Gefühl der alten Bonner Republik als unser Hier und Jetzt. Peter Carp ließ sich davon nicht beirren und schlug Schimmelpfennig mit seinem charmant "einfachen", assoziationsreichen, anekdotischen Werk, das voller "Humor und Melancholie" stecke, für den Dramatikerpreis vor. Es sollte, wie gesagt, die einzige Ausnahme und Überraschung bleiben.

Rasende Kalauerwelle

Richtig lebhaft wurde es nur mit Polleschs Fantasma. Ein Text, der den Blick für "Systeme", auch für Probensysteme, öffne (Brucker), ein "philosophischer Text" (Carp). Ja schon, aber macht diese Philosophie à la Groys und Agamben eigentlich Sinn, ist sie überhaupt verstanden worden (Pilz, Müller-Merten)? Man müsse eigentlich mal eine ganze Pollesch-Serie einladen, meinte Wille, um zu zeigen, wie sich diese Seriendramatik mit jedem neuen Stück fortschreibe und ihre Themen verändere. "Auf geht's!", möchte man sagen, auch mit Blick darauf, dass "Fantasma" den diesjährigen (wie immer undotierten) Publikumspreis gewann.

Dann aber war das "Pollesch-Kolloquium" (Jörder) beendet, und die Kür der Siegerin stand an: Vier von fünf möglichen Nennungen fielen auf Jelinek. Sie erhält den Preis zum dritten Mal nach 2002 und 2004. Allseits geteilte Bewunderung für eine Sprachform, die sich "eindeutiger Haltungen der Boten" entziehe (Brucker). "Eine Kalauerwelle rast auf uns zu", so Pilz, und reize zur "Wut, dass Sprache uns immer entgleitet". Kein Enthüllungsdrama wird hier ausgezeichnet, sondern ein Stück "Verleugnungsakrobatik", gespeist aus "60 Jahren Totschweigen" (Wille). Eher am Rande fiel auch Lob für die stark konzentrierte Münchner Inszenierung von Jossi Wieler. Jelinek erlaube eben viele Zugriffe. Und Heike Müller-Merten formuliert über "Rechnitz" und das Schaffen der Autorin, was man von Kunst, von preiswürdiger zumal, gern häufiger sagen würde: "Sie definiert das Theater neu!"

Lesen Sie hier, welchen ersten Blick wir auf die Auswahl warfen, als die sieben Stücke am 18. April 2009 benannt wurden, welche möglichen Kandidaten für den Platz des achten Stückes den nachtkritik-Korrespondenten einfielen und wie wir das diesjährige Tableau im Kontrast zum vorigen Jahr sahen.

 

Kommentare (2)

03. Juni 2009, 13:06
Vio: Kalauer...
mäandern in Jelineks preigekröntem Stück "Rechnitz". Wie andersartig als die allseits angebotene "SPRECHE" und "SCHREIBE".
Eine "Kalauerwelle..." geradezu lt. Kommentar. Na also.
Und was besonders beeindruckt: Jedweder/e RegisseuIn bleiben
so vielfältige Interpretationsmöglichkeiten! Jelinek kanns halt.
04. Juni 2009, 10:06
Heini: ...
Ja, das ist schade, daß Jelinek keine echte Konkurrenz hatte. Das muß man der Auswahl anlasten. Aber die können halt auch bloß nehmen, was es gibt, und substanzielle Gegenwartsdramatik ist halt ein rares Gut. Siehe den Stücke-Jahrgang 09.... Aber diese Seite, das muss man am Ende auch mal sagen, ist einfach gut gemacht, gedacht und geschrieben. Auch die Filme, nicht immer, aber immer öfter. Danke Nachtkritik!

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