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Fantasma – René Pollesch betreibt Diskurshopping im wundersamen Reich der Fiktion

Wir müssen sterben, um leben zu können

von Tomo Mirko Pavlovic

Das Ende des Kommunismus in China. Die Erinnerung an eine große Liebe. Das Schmelzen eines Käsesandwiches. Die letzte Sekunde in einem 90-minütigen Theaterstück. Alles vergeht, ist zeitlich begrenzt. Wird irgendwann einmal ein historisches Projekt, ein Gedankenkrümel der Geschichte.

Das klingt zunächst einmal recht bekannt und überaus traurig. Frank und Jane fragen sich unentwegt, was diese Vergänglichkeit zu bedeuten hat. Warum alles aufhört. Und weshalb solche "Projekte" wie der Kommunismus in China oder ihre Liebe erst nach dem Ende in einer Erinnerung zu leben beginnen.

Weder gekränkt noch konventionell

Frank und Jane würden sich nun, wenn sie gekränkte Utopisten, gottlose Bildungsbürger oder Helden eines konventionellen Theaterstückes wären, in die Melancholie flüchten. Oder in die vermeintliche Einsamkeit der Natur. Oder in die Psychotempel der Kunst. Oder in das kurzzeitige Hormonglück der Familienplanung.

Doch Frank und Jane sind weder gekränkt noch konventionell. Sie trauern nicht um den Verlust des Kommunismus in China oder den Tod ihrer Liebe. Vielmehr interessiert, ja amüsiert die beiden das Verschwinden jeglicher Illusionskraft in ihrer Welt so wie das Ergebnis eines Experiments, das sie in einer Zeitungsmeldung entdecken und dessen Versuchsteilnehmer sie selbst waren.

"Und weißt du ...", sagt Jane an einer Stelle zu Frank, "manchmal wenn ich vor dir stehe, denke ich auch und vor allem durch deine letzte sms, ich bin ein Projekt, das du der schlechten Unendlichkeit entrissen hast, ihm einen Körper gegeben hast, aber leider einen historischen". Erst mit dem Abschied wird etwas Geschichte und somit körperlich erfahrbar. Jane konkretisiert das Gefühl, dass etwas erst dann wirklich da ist, wenn es längst weg ist, mit den Worten: "Jetzt kann ich das wiederholen, dieses Abgeschlossene, dadurch dass du dich einfach abgewendet hast."

Die Seele voller Phrasen

Die Liebe, die nach der Liebe kommt, wird in die Sphäre der Vorstellungen verbannt. In das Reich von "Phantasma". Ein sagenhaftes Land, das wir Körperfetischisten nie kennengelernt haben. "Phantasma" ist ein Begriff, mit dem der italienische Philosoph Giorgio Agamben den Primat des Biologischen in unserer globalisierten Welt attackiert, in welcher die Liebe am konkreten Körper vollzogen wird und der asexuelle "Laura"-Jauchzer eines Francesco Petrarca total lächerlich erscheint.

Frank und Jane sind so gesehen unrettbar. Sie glauben nicht an die Individualität, an ihre Subjektivität, an die eigene Persönlichkeit, welche nach den Gralshütern der Moderne im tiefen Innern eines Menschen verborgen sein soll wie das bittersüße Herz einer gemeinen Speckzwiebel. In Franks und Janes Seelen würde ein Psychoanalytiker nichts als Phrasen fiktiver Existenzen finden. "Wir müssen sterben, um leben zu können", sagt Frank. Doch so weit kommt es nicht. Er und Jane bleiben Projekte. Heiter schwebende Sprechblasen voller Anführungszeichen. Bis zum belanglosen Ende (des Stücks).

Für Filmvernarrte und Postpopmodernisten

Wer sich auf die aktuelle Arbeit von René Pollesch mit dem Titel "Fantasma" einlässt, sollte also üblicherweise mit Lyotard, Deleuze und Agamben statt mit Freud und Marx intellektuell flirten – und dazu den vielfach unterschätzten Privatfernsehbildungsklassiker "Nackte Kanone 2 1/2" im DVD-Schränkchen haben, ein Meisterwerk des Komödienschwachsinns, in welchem der irre Cop Frank Drebin die Frau seines Lebens trifft: Jane. Sie wird gespielt von Priscilla Presley, was nicht unwichtig ist, denn auch die Presley ist nur ein Zitat ihrer selbst in einem Film, der wiederum nur eine Anhäufung von Parodien anderer Hollywood-Streifen ist.

Diese Logik des infiniten Regresses ist ein dramaturgisches Markenzeichen des 46-jährigen Dramatikers und Regisseurs, der schon zwei Mal den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen hat. Und deswegen gehört nun auch die Presley zum crossmedialen Kosmos eines René Pollesch, der vor allem der Theatermacher für Filmvernarrte und Postpopmodernisten ist, dem das Authentische und die Seelenschau als Theaterkonzept fremd ist.

In "Liebe ist kälter als das Kapital", im letzten Jahr nach Mülheim eingeladen, zitierte Pollesch mit einer Ohrfeigenorgie am Staatstheater Stuttgart (2007) John Cassavetes "Opening Night" mit Gena Rowlands in der Hauptrolle. Der amerikanische Independent-Filmer aus den 70ern war bekannt für seine unbarmherzige Arbeit am Schauspielermaterial, von dem er verlangte, sich am Set aufs Äußerste mit der Rolle zu identifizieren und das private Ich völlig auszublenden.

Ein Script, das nicht das Eigene ist

Auch Pollesch zeigt die Neigung, die Stücke einem Kollektiv auf den Leib zu schreiben, mit einer kleinen Gruppe von Schauspielern den Unterschied zwischen der Realität und Fiktion zu verwischen, so dass es inzwischen normal ist, Pollesch-Stammdarsteller wie Martin Wuttke oder Sophie Rois namentlich in Verbindung mit ihrer Rolle im Stück zu nennen und nicht die Figur, die sie spielen.

Anders jedoch als Cassavetes misstraut Pollesch der Funktionszuschreibung "Rolle" oder "Figur": Jeder Versuch, irgendetwas oder jemanden zu spielen wird zu einem eigenen Projekt, verweist in seinem heiter-verzweifelten Scheitern auf die Grenzen jenes Theaters, das noch zu wissen glaubt, wer welche Rolle zu spielen hat. Polleschs Dramatik wirkt wie eine scharf konturierte Negativbelichtung des scheinbar selbstverständlichen Einfühlungstheaters, etwas, das mit der Dekonstruktion von "Opening Night" so gut wie selten gelang.

Auch in "Fantasma" zeigt Pollesch wieder seine Lust am Selbstreferenziellen, wobei er zum wiederholten Mal das Ende seiner eigenen Zunft in Worte fasst, einer Zunft, die das Eigene zum Script zu machen pflegt: "Wir brauchen ein Script, das nicht das eigene ist", sagt etwa Jane. "Das eigene Leben findet nur ein Ende, indem wir sterben oder uns das Geld ausgeht. Das Script, mit dem wir uns wirklich berühren können, das einzige, ist das, auf dessen letzter Seite 'Ende' steht. Niemandem geht das Geld aus und niemand stirbt dabei. Das ist Theater. Dieses eine Wort 'Ende'."

Diskurshopping von China bis zur Liebe

Alles anderes bleibt zum Glück wie es war: ein typischer Pollesch. Stets verquast, auf dem Papier grässlich handlungsarm, immer wieder richtig witzig, und eklektizistisch wie kein zweiter. "Fantasma" ist ein Stück für sechs Personen, darunter Frank und Jane, in deren Pseudodialogen keine individualisierten Haltungen oder Positionen eingenommen werden. Jeder fragt sich im Grunde dasselbe und bekommt meist wieder eine Frage als Antwort.

Damit die Übergänge zwischen den Textflächen nicht holpern, setzt Pollesch immer wieder ein zustimmendes "Ja genau" oder ein "Allerdings" ein, rhetorische Füllsel, die aber auf den zweiten Blick unverschämt spitzfindig unsere Alltagssprache als heuchlerisches Geplapper von Halbwissenden entlarvt. Gleichzeitig wirkt jedes blinde Einverständnis beschleunigend auf das scheinbar sprunghafte Diskurshopping von einer gesellschaftlichen Realität (China) über die subjektiven Gefühlswelten (Liebe) hin zu den Einlassungen über das Theater im Allgemeinen. Was von diesem dynamischen Gespreche über Schrott und die Welt übrig bleibt? Die lächerlich gemachte Illusion von einer kommunikativen Rationalität, der untergehende Traum einer altgewordenen deutschen Kulturelite, die mitunter das Theater als einen öffentlichen Ort definierte, an dem gesellschaftliche Realität zum Bewusstsein kommt.

Zu guter Letzt kommt man vom linksskeptischen Agamben und linksromantischen Habermas und landet hart bei einem weisen Rechtsausleger Frank, der endlich mal Klartext spricht: "Ich höre mir nur Schlager an, weil sie die Wahrheit sagen. Je dümmer sie sind, desto wahrer sind sie." Das klingt wunderschön. Wie eine Backpfeife. Aber man fragt sich, ob es für diese urdeutsche Einsicht eines neuen Pollesch-Stückes bedurft hätte? Ja, genau!

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