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Die goldenen letzten Jahre – Sibylle Berg beschreibt den Weg von vier Außenseitern zum späten Lebensglück

Die Lucky-Loser-Moritat

von Simone Kaempf

Um als Außenseiter durchzukommen, hilft vielleicht wirklich nur, was Sibylle Berg am Ende ihres Stücks empfiehlt: Macht bekommen, viel Geld verdienen, unantastbar werden und unsterblich. Damit ist es allerdings schwierig, wenn das Leben es derart schlecht meint wie mit den vier Protagonisten, deren Kindheit und Heranwachsen die Dramatikerin in "Die goldenen letzten Jahre" Revue passieren lässt. Der dicke Uwe spuckt beim Sprechen, eine Gaumenfehlstellung durchs Daumenlutschen, "kein Kind, das man spontan kosen wollte." Bea ist durch Kinderlähmung von klein auf verunstaltet. Der autistische Paul nässt nachts ein, "außer seiner Tunnelbegabung für Naturwissenschaften zeichnete ihn wenig Strahlendes aus". Und die vierte, Rita, ist auch als Erwachsene so unscheinbar, dass selbst die Obdachlosen in dem Heim, in dem sie arbeitet, feststellen: "Die gehört noch nicht mal zu einer Randgruppe."

Wenn der Bär mobbt

Dass ihre kleinen, leidensreichen Leben doch noch Bedeutung bekommen, hätten sie sich nicht träumen lassen. Aber Geld, Macht, ausgleichende Gerechtigkeit, ja sogar eine love-story schenkt Sibylle Berg ihren vier Sonderlingen, wenn diese mit dem Älterwerden jene titelgebenden "goldenen letzten Jahre" erreicht haben. So überzeichnet sind diese Figuren, so austauschbar ihr Leid und grotesk die Rahmensituation eines Klassentreffens, auf dem der Lehrer, unter tätiger Mithilfe eines Bären, in Rückblicken über die erlittene Ausgrenzung und Misshandlung spottet, dass die Bedeutung nur in der Schicht darunter liegen kann: In den Strukturen, die verhindern, dass aus Außenseitern ganz normale Menschen werden, weil die normalen Menschen die Außenseiter unter sich brauchen.

Auf diese Hackordnung baut Berg die Szenen auf, die, begleitet von schaurig-schönen Moritaten, vom Leiden in der Schulzeit zum Scheitern im Arbeitsleben führen. Rita fühlt sich als stellvertretende Leiterin des Obdachlosenheims zum ersten Mal aufgehoben. Bis sie von den Heimbewohnern tagelang im Keller misshandelt wird. Paul findet eine Stelle als Lagerist und wird wieder entlassen, weil "er nicht trinkt, nicht über obszöne Witze lacht, sich nicht den Sack krault" – so einen Freak mag der Chef nicht. Und auch der hässliche Uwe ist dicht dran an einem normalen Leben als Tierpfleger im Zoo, der im Gehege den Kot beseitigt. Aber selbst der Bär dort mobbt ihn und stellt seine Ausscheidungen ein.

Arbeit an der Weltkomödie

Das alles ist viel realitätsnäher als es die Nacherzählung vermuten lässt. Es geht um die Mühe und den Wunsch – so schlicht er ist und so schwer doch zu verwirklichen – im Leben etwas Glück zu finden. Irgendein Sadismus kommt immer in die Quere, und in dem bös-sarkastischen Blick von Sibylle Berg scheinen sich offensichtlich auch reale Erfahrungen zu entladen.

An der Oberfläche ihrer Stücke geht es grell-bunt zu, und je nach Umsetzung, bei ihrem Haus- und Hofregisseur Niklaus Helbling zum Beispiel, wirken Bergs Texte wie von postdramatischen Entwicklungen geprägt. Doch dafür ist Sibylle Berg viel zuwenig Theoretikerin und viel zu sehr Moralistin, die mit scharfem Spott die Monströsitäten, aber auch Lächerlichkeiten menschlicher Existenz beschreibt. Berg arbeitet als Journalistin, Kolumnistin, Schriftstellerin, Dramatikerin. Ihr neues Theaterstück, das mittlerweile zehnte, lässt sich im Grunde als weiterer Teil einer Weltkomödie beschreiben, an der sie seit ihrem ersten Roman arbeitet ("Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot"), der 1999 in Stuttgart dramatisiert und uraufgeführt wurde.

Gratisreisen in Bangladesch

In diesem gewachsenen Oeuvre stehen die Reisereportagen und die Theatertexte kontrapunktisch zueinander. Bergs journalistische Augenscheinnahmen von Weimar, Los Angeles oder Sri Lanka, meist im Auftrag von Wochenzeitungen und Magazinen, münden immer in der Erkenntnis, dass die Welt überall hässlich ist: Müllhalden, Betonburgen, Slums, zerstörte schöne Winkel. Die Theatertexte dagegen beschreiben das innere Elend, die seelische Zerstörung und menschlichen Desillusionierungen, denen man von Kind an unterworfen ist und die man erst im Grab hinter sich lässt.

Das spricht nicht nur für ein abgeklärtes Verhältnis zum Tod, sondern auch für ein ziemlich radikales zum Leben. In einer Reportage für das "Zeit"-Magazin aus dem Jahr 1999 suchte Berg nach den glücklichsten Menschen der Welt, die laut einer Studie ausgerechnet im armen Bangladesch leben sollten. Auf Besuch in den Slums erkannte sie in einer Leiche am Straßenrand immerhin einen glücklichen Bengalen, weil der Tote mit dem Abtransport zum ersten Mal etwas gratis bekommt.

Diese Drastik irritiert, hat aber Methode. Ohne Sterblichkeit als Sinnhorizont wird auch den vier Außenseitern in "Die goldenen letzten Jahre" ihr spätes Glück nicht zuteil. Eine Phase, in der verliert, wer früher nur gewonnen hat – und in der man nur gewinnen kann, wenn man nichts zu verlieren hat. Während sich die dereinst überlegenen Klassenkameraden Imke, Bernd und Carl-Gustav ruinieren, meint es die Ironie des Schicksals gut mit den Losern. Nach einer Serie von extremen Zuspitzungen bis zur Folter zieht sich Bea im verdunkelten Haus an den Computer zurück und schreibt ein Softwareprogramm, das ihr ein erhebliches Vermögen, unerwartete Souveränität und die Liebe von Uwe einbringt.

Glücklich ohne Dieter Bohlen

Im Berg’schen Weltbild entfaltet Einsicht in die nahende Sterblichkeit tröstende Wirkung und wird sogar mit herrlichem Staunen begrüßt: "Hätte ich früher gewusst, dass es mir irgendwann völlig egal sein wird, was andere von mir denken, hätte ich mir Jahre des Ärgers erspart." Als Kommentar zur alternden Gesellschaft und Demographie-Debatte funktioniert "Die goldenen letzten Jahre" genauso wie als Aufruf, nicht jedem hässlichen Massengeschmack zu folgen. "Sich nicht ausziehen, wenn der Playboy fragt, kein Buch von Dieter Bohlen kaufen, Geld zurückgeben, das die Kassiererin zu viel herausgibt, sich klar machen, dass wir sterblich sind, Nein sagen, wenn einer ein super Geschäft vorschlägt, keinen Menschen hassen, nur weil er anders aussieht, denkt oder lebt als man selbst." Merke: Ein eigener Weg ist auch in einer Welt möglich, in der sich das Hässliche oft besonders bunt, die Jugend als besonders klug, das Alter als kultiviert tarnt. Wenn das kein Lehrstück für die postpopkulturellen Zeiten ist!

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